Kapitel 2
Frühlings Erwach(s)en.
Mai. Spät, aber doch kitzeln die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen über die hügelige Landschaft von St. Anna. Vogelgezwitscher durchbricht die morgendliche Ruhe. Auf brachen Feldern und Wiesen, die die letzte sanfte Straßenkurve nach Sankt Anna ob Schwanberg säumen, glitzert kaum noch sichtbarer Resttau. Vereinzelte Bäume kündigen die dichten Wälder jenseits der Grasflächen an.
Das Grau des Winters wird langsam, aber sicher von herrlichen Pastellfarben abgelöst. Hier und da ein Knacken, ein Rascheln, ein entferntes Brummen. Während erste Spaziergänger*innen bereits die Gunst der Stunde nutzen, die kalte Luft zufrieden einzusaugen, um so viel wie möglich vom Erwachen der Natur in sich aufzunehmen,
beginnt auch im CMM Buzzhouse ein neues Kapitel.
Was ist denn da draußen los?
Ich bin immer noch müde von der Winterruhe und würde gerne einfach weiterschlafen … Aber ich bin auch so neugierig.
Ich kann nicht sehen, was außerhalb des Bienenstocks vor sich geht. Aber alles fühlt sich anders an. Es ist wärmer,
es riecht so gut. Und auch hier drinnen brummt es anders vor sich hin. Na gut. Schauen wir mal nach. Ich starte damit, mich aus meiner Wabe zu befreien. Ein Bissen nach dem anderen, ich fleißiges Bienchen.
Oha. Hier draußen vor meiner Wabe ist es aber dreckig. Einmal schnell drüberputzen und … Ach, was ist denn jetzt los? Warum fange ich an, freiwillig – nein, automatisch – zu putzen? Jetzt ist es wohl wirklich so weit mit mir …
Uff … Ich bin erwachsen. Und mein Leben als Arbeiterin hat schon begonnen.
Ich putze und putze vor mich hin. Meine eigene Zelle. Die Wabenzellen der anderen frisch geschlüpften Bienen und die Waben für jene, die bald nachkommen werden. Nicht, weil ich es will, sondern weil ich muss. Weil es in meiner DNA steckt. Aber ganz ehrlich, wie eine erfüllende Lebensaufgabe fühlt sich das nicht für mich an. Ich wurde ja nicht einmal gefragt, ob ich lieber etwas anderes machen möchte oder welche Talente ich habe. Also los, wer wagt, gewinnt! Es wird Zeit für eine Initiativbewerbung.
Voller Tatendrang krabble ich zu unserer Königin und bemühe mich, so süß wie Honig zu klingen: „Liebste Königin, ich weiß, ich bin gerade erst geschlüpft. Doch es zieht mich so sehr nach draußen! Ich will ausfliegen, frei und unabhängig sein – wie eine Wildbiene. Gibt es denn keine Möglichkeit, mich umzuorientieren?“
Was die Königin antwortet, überrascht mich: „Wir sind uns sicher, du wärst eine vortreffliche Wildbiene, junge Bea! Gerne versprechen wir dir die Freiheit, nach der du dich so sehnst. Doch nur unter einer Bedingung: Wir möchten sichergehen, dass du weißt, gegen welches Leben du dich entscheidest. Schnuppere die nächsten paar Tage in unsere anderen Jobs im CMM Buzzhouse hinein. Vielleicht findest du doch eine Aufgabe, die dir gefällt. Und wenn nicht, kannst du immer noch als Sammelbiene arbeiten und hast keine Pflicht, in den Stock zurückzukehren.“
Was für eine Nachricht! Natürlich gehe ich auf diesen Deal ein. Mit dem Ausblick darauf, dass ich nicht bleiben muss, vergehen die nächsten Tage viel spaßiger als erwartet: Zuerst lasse ich mich in der Heizabteilung blicken. Da ist es zwar ganz schön anstrengend, aber mein Kreislauf freut sich über die sportliche Betätigung. Im Anschluss bin ich nicht böse, meinen nächsten Halt bei der Larvenfütterung einzulegen, wo ich selbst auch ein bisschen vom Bienenbrot mitnasche. Lecker!
Abschließend schaue ich noch bei den Ammenbienen vorbei. Von ihnen lerne ich, wie sich unser Körper verändert, damit wir Gelée Royal für die Junglarven und die Königin herstellen können. Schon irgendwie ganz cool. BBBSSSSHSHSHSSSH – In diesem Moment fliegt eine Biene in mich, drückt mir Nektar und Pollen ins Gesicht. Statt einer Entschuldigung höre ich nur ein: „Nächste Ladung!“, bevor sie schon wieder davonfliegt.
Das war ein Tag! Ich freue mich jetzt wieder richtig auf eine bienliche Mütze Schlaf.
Heute geht es weiter mit meiner Schnupper-Einheit – ich versuche mich am Bau. Unter „Schwerstarbeit“, wie ich es noch als Larve von anderen Arbeiterinnen gehört habe, habe ich mir etwas anderes vorgestellt. Doch ich würde jetzt auch nicht behaupten, dass es leicht ist, Wachs aus meinem Hinterteil zu ziehen und zu zerkauen, bis ich damit die Waben bauen kann. Etwas irritiert, aber dennoch beeindruckt summe ich weiter Richtung Einflugloch zu den Wächterbienen.
„ACHTUUUUNG, ANGRIFF!!!“, höre ich schon von Weitem, gepaart mit lauten Brumm- und Kampfgeräuschen –
wie ferngesteuert fliege ich schneller, obwohl ich keine Ahnung habe, was mich erwartet, geschweige denn, was uns angreifen könnte oder wie ich mich und das CMM Buzzhouse verteidigen soll.
Was als nächstes passiert, kann mein noch so junges Bienenköpfchen kaum verarbeiten. Am Eingang des Stocks versucht ein Tier, das ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, in UNSER Zuhause einzudringen! Es ist mindestens fünfmal größer als ich, und beim Gedanken, gegen dieses MONSTRUM kämpfen zu müssen, wird mir ganz hummelig. Aber es hilft nichts. Ich muss meinen Wächterinnen zur Seite stehen und den Stock verteidigen. Auf ins Getümmel! Doch schon beim ersten Versuch, mich einzubringen, trifft mich ein Hieb der sogenannten „Hornisse“ so heftig, dass ich mit den Antennen voraus in eine nahe Wabe geschleudert werde. „Eine Kameradin ist getroffen! Auf die Hornisse mit Gebrumm!“ und „Hey, alles okay bei dir?!“, höre ich noch ganz dumpf, bevor plötzlich alles schwarz wird.
To bee continued
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